AI Brief und Text Disclaimers für Anwälte: BRAO-konforme Google-Ads-KI in der Praxis
AI Brief (KI-Briefing) steuert die Google-Ads-KI in Klartext: Du kannst der KI in einfacher Sprache vorgeben, welche Botschaften erlaubt sind, welche Suchanfragen aufgegriffen werden sollen und welche Zielgruppen wie angesprochen werden. Text Disclaimers garantieren, dass rechtlich vorgeschriebener Text auch dann in der Anzeige bleibt, wenn die automatische Ziel-URL-Erweiterung (Final URL Expansion) aktiv ist. Beides hat Google auf der Google Marketing Live am 20. Mai 2026 vorgestellt. Für Anwaltskanzleien und andere regulierte Branchen sind das zwei der wenigen KI-Funktionen, bei denen der Nutzen den Aufwand klar überschreitet. Mit einer Einschränkung: AI Brief läuft zunächst nur auf Englisch.
Werbung im Anwaltsumfeld ist eng reguliert. § 43b BRAO verbietet reklamehafte Werbung, die Berufsordnung schränkt Vergleiche mit Kollegen ein, Erfolgsquoten dürfen nicht versprochen werden, und Honorar-Aussagen müssen sorgfältig formuliert sein. Für Anwaltskanzleien mit Google-Ads-Kampagnen heißt das: Jeder Anzeigentext muss durch die berufsrechtliche Brille. Wer dann noch KI-gesteuerte Kampagnentypen wie AI Max nutzen will, hat ein zusätzliches Problem. Die KI generiert Texte und Varianten selbst, und ohne klare Steuerung kann sie auch Aussagen produzieren, die rechtlich heikel sind.
Genau hier setzen die zwei neuen Features an, die Google auf der Google Marketing Live 2026 vorgestellt hat. Dieselbe Frage stellt sich übrigens bei jeder neuen KI-Werbefläche, zuletzt bei Werbung in Rechts-, Medizin- und Finanzgesprächen in ChatGPT.
Wie funktioniert AI Brief in der Praxis?
AI Brief ist eine Eingabemaske in Google Ads, in der du der KI in normaler Sprache Anweisungen mitgibst. Die Eingabe läuft über Gemini im Hintergrund, ist also keine Schlagwort-Liste, sondern echte Sprachverarbeitung. Drei Bereiche kannst du steuern: Messaging-Guidelines, was die KI sagen darf und was nicht. Matching-Guidelines, welche Suchanfragen aufgegriffen oder vermieden werden sollen. Audience-Guidelines, welche Zielgruppen wie angesprochen werden.
Für Anwaltskanzleien sind alle drei Bereiche sofort relevant. Konkret könnten die Anweisungen in etwa so aussehen.
Bei den Messaging-Guidelines wäre ein typischer Eintrag: “Vermeide Aussagen über Erfolgsquoten oder Gewinnchancen. Verwende keine Superlative wie ‘beste Kanzlei’ oder ‘führend’. Stelle keine Honorar-Versprechen auf. Kostenlose Erstberatungen nur dann erwähnen, wenn klar gekennzeichnet als 30-minütiges Orientierungsgespräch.”
Bei den Matching-Guidelines: “Vermeide Suchanfragen mit Vergleichs-Intent wie ‘XY vs. Kanzlei Müller’ oder Bewertungs-Begriffe wie ‘beste Anwälte Hamburg’. Konzentriere dich auf Rechtsproblem-Suchen wie ‘Kündigungsschutzklage’ oder ‘Aufhebungsvertrag prüfen’.”
Bei den Audience-Guidelines: “Sprich primär gewerbliche Mandanten an, die Arbeitgeber-Themen recherchieren. Vermeide private Anlagebetrugs-Suchen, die nicht in unser Mandanten-Profil passen.”
Du siehst: Das ist nicht Marketing-Sprech, sondern ein Briefing, wie du es einem neuen Mitarbeiter oder einer beauftragten Agentur geben würdest. Genau das macht AI Brief mächtig, vor allem für Branchen, in denen es viele “darf-nicht”-Regeln gibt.
Was Text Disclaimers technisch lösen
Die zweite Funktion klingt unspektakulärer, ist aber für Anwälte oft das größere Geschenk. Bisher gab es in AI Max einen Konflikt: Wer Pflichtangaben oder rechtlich notwendige Texte in jeder Anzeige garantiert haben wollte, musste das Anpinnen (Pinning) nutzen. Damit fixierst du einen Anzeigentext-Baustein, sodass er immer erscheint. Das Problem: Das Anpinnen war nicht kompatibel mit der automatischen Ziel-URL-Erweiterung, einer Hauptfunktion von AI Max. Du musstest dich also entscheiden, ob du Rechtskonformität oder Performance willst.
Aus 13 Jahren Praxis mit regulierten Branchen: Genau dieser Konflikt zwischen Rechtskonformität und Automatisierung war der Hauptgrund, warum viele Kanzleien KI-basierte Kampagnentypen gar nicht erst getestet haben. Wer rechtlich verpflichtet ist, einen bestimmten Text in jeder Anzeige zu haben, beispielsweise einen Hinweis auf das Verbot der reinen Erfolgs-Werbung oder einen Pflichttext-Hinweis in regulierten Bereichen, konnte das mit AI Max nicht garantieren. Text Disclaimers löst diesen Konflikt sauber.
Mit Text Disclaimers definierst du Pflichttexte separat, und sie laufen unabhängig von der KI-Variation der übrigen Headlines und Descriptions. Das System weiß, dass dieser Block immer mit raus muss, und kombiniert die anderen Bausteine drumherum.
Für die Praxis heißt das: Du kannst AI Max mit aktiver Ziel-URL-Erweiterung fahren und trotzdem sicher sein, dass dein Pflichttext in jeder Anzeigenvariante steht.
Update Juli 2026: Text Disclaimer Assets sind ausgerollt
Seit Anfang Juli sind Text Disclaimers als eigener Asset-Typ für Suchkampagnen in den Konten angekommen. Damit ist die Funktion aus dem Ankündigungs-Stadium raus und praktisch nutzbar. Drei Details aus dem Rollout sind für die Umsetzung wichtig.
Erstens die Länge: Ein Text Disclaimer fasst bis zu 90 Zeichen. Das reicht für die meisten Pflichtangaben, aber nicht für jede. Prüfe vor dem Einrichten, ob sich dein rechtlich notwendiger Text in 90 Zeichen unterbringen lässt, gegebenenfalls in Abstimmung mit der Person, die deine berufsrechtlichen Formulierungen freigibt.
Zweitens die Anzeigeneffektivität: Der Disclaimer zählt nicht in die Ad-Strength-Bewertung deiner responsiven Suchanzeigen hinein. Du kannst den Pflichttext also ergänzen, ohne dass Google die Anzeige deshalb schlechter einstuft. Das räumt den alten Zielkonflikt ab, bei dem angepinnte Pflichttexte die Bewertung gedrückt haben.
Drittens die Ausspielung: Der Disclaimer erscheint konsistent in den responsiven Suchanzeigen und funktioniert auch in Kombination mit AI Max. Damit ist der Weg, den dieser Artikel ursprünglich beschrieben hat, jetzt für jedes Konto gangbar, unabhängig vom Beta-Status.
Update August 2026: die offizielle Anleitung bringt drei Fallstricke mit
Google hat im August eine eigene Anleitung zu Textbausteinen für Haftungshinweise veröffentlicht. Sie bestätigt, was seit Juli in den Konten sichtbar war, und ergänzt drei Punkte, die man vor dem Einrichten kennen sollte.
Zunächst der praktische Teil. Die Funktion ist weltweit verfügbar und wird nach dem Anlegen der Kampagne über das Asset-Menü ergänzt, nicht im Kampagnen-Setup selbst. Wer sie beim Erstellen einer neuen Kampagne sucht, sucht an der falschen Stelle.
Wenn du in deiner responsiven Suchanzeige eine Beschreibung auf Position 1 gepinnt hast, kann der Haftungshinweis diese Pinnung überschreiben. Für Konten, die einen Pflichttext bisher über eine gepinnte Beschreibung abgesichert haben, ist das der wichtigste Punkt. Nach dem Einrichten unbedingt in der Anzeigenvorschau kontrollieren, was tatsächlich zusammen ausgespielt wird.
Der zweite Fallstrick betrifft die Darstellung. Der Hinweistext kann in manchen Sprachen und bei größeren Darstellungsformen abgeschnitten werden. Bei einer Pflichtangabe ist ein halb abgeschnittener Satz schlimmer als gar keiner, weil aus einem korrekten Hinweis eine irreführende Verkürzung werden kann. Wer die 90 Zeichen voll ausreizt, sollte den Text so bauen, dass die entscheidende Aussage vorn steht.
Der dritte Punkt klingt zunächst beruhigend und ist es nur halb. Wird ein Haftungshinweis abgelehnt, stoppt die Anzeige deswegen nicht, sie läuft ohne den Hinweis weiter. Für die Auslieferung ist das angenehm, für eine berufsrechtliche Pflichtangabe ist es genau der falsche Ausgang. Deine Anzeige läuft dann ohne den Text, den du eigentlich zwingend brauchst, und du merkst es nur, wenn du den Asset-Status regelmäßig kontrollierst.
Genau wegen dieser Kombination würde ich den Haftungshinweis nicht als einzige Absicherung einer echten Pflichtangabe einsetzen. Wenn die Angabe berufsrechtlich verbindlich ist, gehört sie zusätzlich an eine Stelle, die dir gehört, also prominent auf die Zielseite. Der Disclaimer im Anzeigentext ist dann der bequeme Weg, nicht der einzige. Ein fester Kontrollpunkt für den Asset-Status gehört in die monatliche Routine, sonst bemerkst du eine Ablehnung erst, wenn jemand anderes sie bemerkt.
Wer in Deutschland profitiert besonders?
Die Kombination der beiden Features wirkt nicht nur für Anwälte. Sie passt für jede Branche, in der berufsrechtliche oder gesetzliche Auflagen den Anzeigentext einschränken.
Wer in einer der Branchen rechts arbeitet, braucht weder AI Brief noch Text Disclaimers dringend. Wer in einer der Branchen links arbeitet, hat mit den zwei Features erstmals einen seriösen Weg, KI-basierte Kampagnentypen rechtssicher zu testen.
Was AI Brief gerade noch nicht kann
Hier kommt der ehrliche Hinweis. AI Brief startet zunächst nur auf Englisch und nur für AI Max for Search. Performance Max und AI Max for Shopping kommen später, Sprachunterstützung für Deutsch ist angekündigt, aber ohne konkretes Datum.
Für deutsche Anwaltskanzleien bedeutet das aktuell zweierlei. Wer mit einer englischsprachigen Zielgruppe arbeitet, beispielsweise Boutique-Kanzleien mit internationalen Mandanten, kann AI Brief schon nutzen. Wer rein deutsche Anzeigen schaltet, sollte vorerst auf Text Disclaimers setzen und AI Brief beobachten. Realistisch betrachtet wird die deutsche Sprachunterstützung im zweiten Halbjahr 2026 kommen, dann wird der praktische Wert für deutsche Konten signifikant.
Zweite Einschränkung: AI Brief schließt rechtliche Risiken nicht aus. Die KI versteht Sprache, nicht Juristerei. Wenn du schreibst “Vermeide Erfolgsversprechen”, erkennt das System typische Muster wie “garantiert gewonnen” oder “100 Prozent Erfolg”. Es kann aber subtile Formulierungen übersehen, die im Einzelfall noch unzulässig sind. Eine manuelle Anzeigentext-Prüfung bleibt also Pflicht.
Wie setzt du das praktisch um?
Ein typischer Einstieg sieht so aus. Sammle zuerst die Aussagen, die in deinen Anzeigen niemals stehen dürfen. Mache eine zweite Liste mit Pflicht-Texten, die garantiert in jeder Anzeige stehen müssen. Diese beiden Listen sind die Grundlage.
Aktiviere dann in einer Test-Kampagne AI Max mit AI Brief, falls dein Konto die Beta-Berechtigung hat. Trage die Messaging-Guidelines ein, formuliere bewusst klar und konkret. Vermeide weiche Sätze wie “wirke seriös”, weil die KI damit wenig anfangen kann. Schreibe lieber konkret: “Verwende keine Superlative. Erwähne keine Konkurrenz-Kanzleien. Stelle keine Honorar-Versprechen.”
Für die Text Disclaimers ist das Vorgehen anders. Du gibst hier nicht eine Anweisung, sondern den konkreten Text, der in jeder Anzeige erscheinen soll. Beispielsweise: “Erstberatung 30 Minuten kostenfrei und unverbindlich” oder eine branchen-spezifische Pflichtangabe.
Lass die Test-Kampagne mindestens zwei bis drei Wochen laufen, prüfe die generierten Anzeigenvarianten in der Vorschau, vergleiche sie mit deinen Compliance-Kriterien und passe AI Brief nach, falls die KI Formulierungen wählt, die zu eng am Limit sind.
Was AI Brief nicht ersetzt
Auch nach Aktivierung der Features bleibt die manuelle Prüfung der tatsächlich ausgespielten Anzeigentexte deine Aufgabe. Im Anzeigentext-Bereich von Google Ads siehst du die Asset-Kombinationen, die ausgespielt wurden. Diese mindestens monatlich durchzugehen ist nicht verhandelbar, vor allem nicht in den ersten Monaten nach Aktivierung.
Wer mehrere Anwälte oder ein Marketing-Team in der Kanzlei hat, sollte einen klaren Verantwortlichen für die Anzeigen-Reviews festlegen. Wer alleine arbeitet, plant sich einen festen Termin im Monat, an dem die Anzeigen-Vorschauen geprüft werden.
Verwandte Themen: Wer in dem Bereich startet, sollte parallel das Conversion-Tracking und die Negativ-Keyword-Liste sauber aufgesetzt haben. Beides ist die operative Grundlage, auf der AI Brief und Text Disclaimers ihre rechtliche Wirkung überhaupt entfalten können.
Deine Checkliste
Empfohlener Ablaufplan für Anwaltskanzleien und andere regulierte Branchen:
- Compliance-Liste erstellen. Notiere konkret, welche Aussagen niemals in Anzeigen stehen dürfen und welche Pflichttexte garantiert erscheinen müssen.
- Text Disclaimer Asset einrichten. Seit Juli 2026 als eigener Asset-Typ für Suchkampagnen verfügbar. Prüfen, ob der Pflichttext in 90 Zeichen passt, dann direkt umsetzen.
- AI-Brief-Status beobachten. Schau in den AI-Max-Einstellungen deines Kontos, ob AI Brief schon verfügbar ist. Sprachunterstützung für Deutsch weiter abwarten.
- Test-Kampagne aufsetzen. AI Max nicht in der Haupt-Kampagne aktivieren, sondern in einer dedizierten Test-Kampagne mit eigenem Budget.
- Anzeigen-Reviews fest einplanen. Mindestens monatlich die ausgespielten Anzeigenvarianten durchgehen, vor allem in den ersten drei Monaten nach Aktivierung.
- Bei Unsicherheit zurück zum klassischen Setup. Wenn die KI Formulierungen wählt, die berufsrechtlich grenzwertig sind, lieber zurück zur klassischen Search-Kampagne mit manuellem Anzeigentext.
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Benjamin Häntzschel
Google Ads, KI & Conversion-Optimierung